leseprobe
Sa Maliit na Bintana
Die ersten beiden Kapitel
Kapitel eins und zwei vollständig, im Original auf Filipino sowie in englischer und deutscher Übersetzung.
Das Buch ist auf Filipino erschienen. Eine englische Ausgabe ist in Arbeit, eine deutsche danach geplant.
Kapitel 1
Drei Schatten im Mondlicht
Der Mond stand groß am Himmel in der Nacht, in der Polay die drei Mädchen zum ersten Mal sah. Es waren Ferien, und sie spielte mit ihren Spielgefährten vor ihrem Haus.
Ringsum war es hell, doch ein Stück der Straße erreichte das Licht nicht. Dort tauchten sie auf – drei Gestalten, die gemeinsam aus Richtung der Barangay-Halle zum Haus von Richter Rodriguez gingen.
Polay und ihre Freundinnen und Freunde hörten auf zu spielen.
„Wer sind die?“, fragte Margie leise.
Niemand antwortete.
Ihre Gesichter waren fremd. Sie waren ordentlich gekleidet und glichen nicht den anderen Kindern, denen die staubige Straße längst vertraut war, das Fangenspielen unter dem Mond und das Rufen, das bis in den Nachbarpurok trug. Für Polay wirkten die Neuen ernst. Schwer anzusprechen. Als wüssten sie nicht, wie man spielt.
Die drei Mädchen gingen geradewegs auf das große Tor des weiten Hofs zu. Niemand grüßte sie, und sie grüßten niemanden. Offensichtlich kannten sie in Polays Gruppe keinen.
Nach einer Weile mischte sich eine Gruppe Jungen ins Gespräch.
„Das sollen die Enkel von Richter Rodriguez sein. Sie kommen aus Manila und sind Cousins von Nonoy und Maymay“, sagte einer von ihnen.
Nonoy und Maymay kannten Polay und die anderen längst; sie hatten früher zusammen gespielt.
Polay sagte nichts. Sie sah nur schweigend zu und hörte, was ihre Spielgefährten redeten. Mit den Augen folgte sie den drei Mädchen, bis sie in den Hof gegangen und im Haus verschwunden waren.
In ihrem kleinen Barangay verbreitete sich die Nachricht schnell unter den Kindern. Am nächsten Tag wusste fast jeder das Übrige. Fünf Geschwister seien es, hieß es, aus Manila, und sie seien in das Haus gezogen, das Richter Rodriguez hinterlassen hatte. Ihre Mutter sei zum Arbeiten in Manila, deshalb sei der Vater bei den Kindern geblieben.
Der Älteste war Arnie, nach ihm kam Dina.
Dann waren da noch Jamich, Olivia und Agatha, die Jüngste. In den Tagen darauf lernte Polay auch die anderen Geschwister kennen und die Verwandten, die im Haus ein und aus gingen.
In jener Nacht fiel das Mondlicht nur auf einen Teil der Gesichter der drei Mädchen, während sie durch das Dunkel gingen. Polay wusste noch nicht, mit wem von ihnen sie am leichtesten Freundschaft schließen würde.
Und sie wusste nicht, wen sie am schwersten würde vergessen können.
Kapitel 2
Das Haus zur Rechten
Wer vor Polays Haus stand, sah zur Linken die kleine Kirche. Samstags füllte sie sich mit ordentlich gekleideten Familien und mit Kindern, die man zum Schweigen brachte, sobald der Gottesdienst begann.
Direkt neben Polays Haus lag der große Hof, auf dem zwei Häuser standen. Vom großen Tor aus blickte man geradewegs auf das Haus, in dem der verstorbene Richter Rodriguez gewohnt hatte. Ganz rechts stand das Haus von Nonoy und Maymay, das einen eigenen Zugang hatte. Kein Zaun teilte die Mitte; die beiden Häuser teilten sich einen weiten Hof. Später zog eine Familie aus Manila in die frühere Wohnung des Richters.
Solange der Richter lebte, war ihr Haus still, und es liefen kaum Kinder ein und aus. Doch sie hielten viele Hunde, und die bellten und bellten, sooft Polay am Tor vorbeiging. Eines der Enkelkinder des Richters kannte Polay. Wenn das Kind da war, sah sie es oft durch das Tor gehen. Ab und zu kam es mit seiner Mutter zu Besuch, die sich häufig von Polays Mutter die Nägel machen ließ.
Den richtigen Namen der Frau des Richters wusste Polay nicht mehr. Alle nannten sie nur Ma’am. Doch eines blieb ihr klar in Erinnerung: der Padyak und die Peso-Münzen.
Wenn die Kinder Ma’am aus dem Padyak steigen sahen, sammelten sie sich rasch am Straßenrand. Sie mussten nicht bitten. Oft öffnete sie ihre Börse und gab jedem von ihnen einen Peso.
In der Hand eines Kindes war ein Peso viel. Er konnte zu Bonbons werden, zu einer Tüte Chips oder zum Einsatz für ein Spiel, das Münzen brauchte. Sobald Ma’am kam, wurden Kinder, die eben noch gestritten hatten, plötzlich höflich und führten ihr nacheinander die Hand an die Stirn.
Am Tag der Beerdigung von Richter Rodriguez füllte sich ihr Haus mit Menschen. Viele kamen, um zu kondolieren und miteinander zu reden. Es kamen auch welche, die Polay nicht kannte.
Zufällig zog Polay an diesem Tag mit Banana Cue von Haus zu Haus. Weil sie nicht alles verkauft hatte, bot sie den Leuten vor dem Haus der Rodriguez’ welche an. Als Ma’am draußen stand und mit jemandem sprach, drängte Polay sich dazwischen und fragte, ob sie etwas kaufen wolle.
„Ach, nein, danke“, antwortete Ma’am freundlich und lächelte sie an.
Polays Eltern sahen, wie sie ihre Ware anbot, und schimpften mit ihr. Sie wusste damals nicht, dass es ihr letztes kurzes Gespräch sein würde. Es war auch das letzte Mal, dass sie Ma’am von Angesicht zu Angesicht sah.
Das Haus wurde still – bis die Familie aus Manila dort einzog.
Neben dem großen Hof der Rodriguez’ stand Polays kleines Haus. Es war aus Holz und mit Nipa gedeckt. So klein es war, hatte es ein Oben und ein Unten; der untere Teil diente als Silong. Abends war eine Gasera ihr Licht, denn Strom hatten sie nicht. Beim Kochen fraß sich dichter, beißender Rauch durch das Innere des Hauses.
Im Hof stand ein Eba-Baum. Seine Früchte waren furchtbar sauer, ob reif oder unreif, aber gut, wenn man sie in Salz tauchte. Oft nahmen sie sie auch zum Säuern ihrer Gerichte. Auch ein Guyabano-Baum stand da, schwer von Früchten. An einer Seite standen das alte Fahrrad und der Padyak, dessen Sitz noch aus hartem Holz war.
Am Rand ihres Weges rankte an der Mauer eine Pflanze, die sie Buyo nannten. Für Polays Familie war sie beinahe ein Wunder. Wenn jemand Fieber hatte, Kopfschmerzen oder Schmerzen irgendwo im Körper, pflückten sie Buyo-Blätter und wärmten sie über der Gasera. Solange die Blätter noch warm waren, legten sie sie auf die Stirn oder auf die schmerzende Stelle.
Deshalb kauften sie keine Medikamente mehr im Laden. In einer Familie, die jede Münze teilen musste, konnte das Geld, das für Arznei gedacht war, stattdessen dem Essen zugutekommen. In Polays Erinnerung wirkte das Buyo, und es half ihnen mehr, als sich sagen lässt.
Hinter dem Barangay lag die große Grundschule. Ihr Gelände war weit und eben, sodass dort sicher ein Hubschrauber landen konnte. Wenn einer herunterkam, hielt es Polay und ihre Freunde kaum. Sie schlüpften durch eine Lücke im Zaun, die als Abkürzung diente, und liefen um die Wette zur Schule.
Viele von Polays schönsten Erinnerungen mit ihren Freunden fielen in diese Schule. Sie lag nah bei ihrem Haus, doch die Nähe war keine Garantie dafür, dass das Lernen für Kinder wie sie leicht wurde.
Damals war Polay das dritte von sechs Kindern und das einzige Mädchen. Unter ihren älteren Brüdern und ihren Spielgefährten gewöhnte sie sich daran, beim Rennen, Klettern, Schubsen und bei allen anderen Straßenspielen mitzuhalten. Anderen galt sie fast als burschikos, ihr selbst war das nichts Besonderes – es war ihre Art mitzuhalten. Sie wuchs außerdem damit auf, ihren Vater in ihrer Stadt Karate unterrichten zu sehen; flink, mutig und ein wenig unerschrocken zu sein war ihr also nicht fremd.
Sie war es auch, die am häufigsten auf den jüngsten Bruder aufpassen sollte. Später kam in Nagaria noch ein Kind zur Welt – wieder ein Junge, das siebte und jüngste der Familie.
Ihre Mutter Rose ging von Haus zu Haus und machte Maniküre und Pediküre. Sie trug ein kleines Etui mit Nagelwerkzeug bei sich und ging dorthin, wo eine Kundin rief. Ihr Vater Rodolfo verkaufte Gewürze und Gemüse auf dem Palengke und unterrichtete nebenher Karate in verschiedenen Barangays ihrer Stadt.
Früh sah Polay, wie ein kleines Einkommen gestreckt wurde und wie die Münzen, die am Morgen verdient waren, vor dem Abend aufgebraucht waren. Von Rodolfo lernte sie das Verkaufen – nicht als Spiel, sondern als die Art, wie ihre Familie durchkam.
Dienstag- und freitagmorgens ging Polay gern mit ihrem Vater auf den Palengke. Sie half mit Eifer, doch dass sie so oft mitging, war auch der Grund, warum sie im Unterricht fehlte.
Nachdem Rose ihre Lage erklärt hatte, entschieden sich die Lehrerinnen und Lehrer dafür, Polay zu verstehen, statt sie zu tadeln. Sie bewunderten sie sogar, denn trotz der vielen Fehltage bekam sie in der Schule Auszeichnungen.
Weil sie früh an das Marktleben gewöhnt war, lernte sie auch zu zählen und zu rechnen. Mathematik wurde ihr Lieblingsfach.
Charice und Jenny wohnten gegenüber dem Haus der früheren Kapitana. Sie waren Schwestern und Enkelinnen der früheren Kapitana. Polay sah sie oft in deren Haus, wenn sie dort herumsaß und mit ihnen fernsah.
In Polays Augen ging es Charice und Jenny ein wenig besser. Wenn sie Charice Pancit Canton essen sah, fiel ihr ein, wie knapp es bei ihnen zu Hause war. Bei ihnen kochte man meist Instantnudeln mit viel Brühe – leichter zu strecken, mit Wasser aufzufüllen und unter den Geschwistern zu teilen – oder Lugaw: mit Zucker, wenn sie Glück hatten; mit nichts als Salz, wenn nicht.
Selbst eine Limonade aus dem kleinen Plastikbeutel mit Strohhalm war für Polay etwas Feines. Wenn ihre Eltern eine kauften, brachten sie eine Ein-Liter-Flasche mit und gossen sie in Gläser, damit alle etwas abbekamen. Eine eigene Flasche Royal – ein Getränk nur für sie, das sie nicht teilen musste – gab es nur, wenn sie Fieber hatte. Als hätte sie erst krank werden müssen, um etwas zu haben, das ganz ihr gehörte.
Und sie freute sich sehr, wenn es Sardinen zu essen gab und nicht nur Gemüse.
So groß war der Unterschied zu Ivy und Margie nicht. Die beiden Schwestern wohnten in einer kleinen Kubo in der Nachbarstraße, fast gegenüber der kleinen Kirche. Neben der Kirche stand ein großer Baum, in dem angeblich ein Kapre wohnte. Auch sie hatten weder Strom noch Fernsehen. Doch selbst in fast gleicher Not gab es kleine Unterschiede. Ivy und Margie hatten einen Schrank und ein ordentliches Fach für ihre Kleider. In Polays Haus dienten Kartons, in denen einmal Nudeln und Sardinen gewesen waren, den Geschwistern als Kleiderablage.
Polay lernte die Armut früh kennen, auch wenn sie damals keinen Namen für diese Unterschiede hatte. Sie sah sie nur am Essen, an der Art, wie man Limonade trank, und daran, wo die Kleider lagen. Doch beim Spielen fiel das alles für eine Weile von ihnen ab. Beim Rennen, beim Lachen und beim Tumbang Preso zählte nicht, in wessen Haus ein Schrank stand und wessen Kleider in einer Kiste lagen. So verschieden die Häuser waren, in die sie heimgingen – sie wuchsen gemeinsam an derselben Straße auf.
Meist waren sie zusammen. Ab und zu wurde die Gruppe größer – wenn jemand Neues bei Chong Lolong mietete und Kinder mitbrachte oder wenn der Cousin von Charice und Jenny in den Ferien in die Stadt kam und bei ihren Spielen mitmachte. Doch es blieben Ivy, Margie, Charice, Jenny und Polay, die sich immer fanden – bis die Familie von Arnie und Dina kam und nach und nach ebenfalls zur Gruppe gehörte.